BIOFACH unterwegs: Was bewegt den Handel?

Einmal im Jahr trifft sich die internationale Bio-Branche zur Weltleitmesse für Bio-Lebensmittel. Aus 144 Ländern reisten zuletzt im Februar 2019 die 51.488 Besucher nach Nürnberg. Was Vertreter des Handels im heimischen Markt, konkret dem Lebensmitteleinzel- und Bio-Fachhandel, aktuell bewegt, der Frage ging das BIOFACH-Team jetzt vor Ort in zwei ausgewählten Filialen in der Metropolregion Nürnberg nach. Mit dabei, Handelsexperte Christoph Spahn, der für uns nochmal die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfasst.

Der selbstständige Einzelhandel punktet mit seinem Frischesortiment. Fotorecht: NürnbergMesse

Dynamischer Wettbewerb, hybrideres Konsumverhalten und wachsender Druck nachhaltiger zu agieren

Herr Spahn, wo liegen die großen Fragen im Lebensmittel-Handel für den selbstständigen Einzelhändler und den Bio-Fachhändler heute?
Beiden gemeinsam ist, dass sie sich der Herausforderung stellen müssen, sich in einem dynamischen Wettbewerbsumfeld, mit sich wandelnden Discountern und den Lieferdiensten sowie einem sich verändernden, immer hybrideren Konsumverhalten zu behaupten. Und das Ganze mit dem Druck, nachhaltiger agieren zu müssen. Für selbstständige Einzelhändler gilt es, Antworten auf Fragen zu finden wie: Was können wir besser als Discount und Großfläche? Wie können wir preiswert erscheinen und doch ertragreich wirtschaften? Und: Wie erreichen wir eine noch höhere Attraktivität unserer Läden? Das kann zum Beispiel durch die Integration gastronomischer Angebote in die Verkaufsfläche und einer damit höheren Verweildauer der Kunden erreicht werden.

Und wie sieht es im Bio-Fachhandel aus?
Für die Bio-Fachhändler vom kleinen Ladner bis zu Bio-Filialisten ist die Grundfrage: Wenn ich überall Bio kaufen kann, was macht dann den Bio-Fachhandel aus? Konkret stellt sich die Herausforderung, eine qualitative Weiterentwicklung hin zu einem noch nachhaltigeren Angebot zu schaffen, ohne sich aus dem Markt zu preisen. Und natürlich müssen diese Händler Antworten finden auf die kommunikationsstarken Nachhaltigkeitsaktivitäten der Handelskonzerne.

In Ihrer Nähe! Regionalität wird auch bei ebl groß geschrieben. Fotorecht: NürnbergMesse

Regionalität wird sowohl im selbstständigen Einzelhandel, z.B. bei Edeka, wie auch im Bio-Fachhandel, z.B. ebl, großgeschrieben. Wie sieht es mit dem Wechselspiel zwischen Bio und Regionalität aus – vor allem aus Kundenperspektive?
Für viele Kunden gibt es den Wunsch nach Konnektivität. Eine Verbindung zum „Landleben“, zum Boden, zur Herkunft wird gesucht und damit eine Sicherheit, dass die Lebensmittel „ehrlich“ angebaut und verarbeitet wurden. Bei diesem Sicherheitsbedürfnis treffen sich Bio und Regional. Für die meisten Verbraucher erfüllt das Produkt aus der Region genau diesen Anspruch. „Der Hof aus dem Umland macht doch bestimmt eine gute Arbeit und außerdem sind die Lieferwege kurz.“ Bio ist häufig den Globalisierungs-Mechanismen verfallen und kann damit nicht mehr grundsätzlich eine Geschichte von Nähe erzählen. Und dennoch bietet es die Garantie, dass die Grundregeln einer natürlichen Produktionsweise eingehalten werden.

Experiementierfreude, Nachhaltigkeit und Information trifft Erlebnishunger

Welche großen Entwicklungstrends sehen Sie.…im (selbstständigen) Lebensmittel Einzelhandel (SEH/LEH)
Es gibt gerade bundesweit eine Experimentierfreude der selbstständigen Kaufleute zu beobachten, beispielsweise bei der Einbindung von Manufaktur- und Gastro-Konzepten in die Ladenflächen. Ein breites Angebot von Spezialitäten und eine sich immer weiter entwickelndes Servicevielfalt treffen auf erlebnishungrige Kunden.

Ein breites Angebot von Spezialitäten und eine sich immer weiter entwickelndes Servicevielfalt treffen auf erlebnishungrige Kunden.

…und im Bio-Fachhandel
Der Bio-Fachhandel zeigt sich mehr und mehr als Spezialist für nachhaltiges Einkaufen und baut entsprechend seine Angebote um. So wird beispielsweise das Sortiment an unverpackten Waren größer und der Bio-Fachhandel wird immer mehr auch zum Informations-Anbieter.

Digitalisierung im Handel – schon gelebte Realität? Wie begegnet der Handel dieser Herausforderung?
Bislang im deutschen Lebensmittel-Handel: kaum. Ein paar Selbst-Scanning-Kassen, ein bisschen Verknüpfung online-offline – das war’s fast schon. International, in den Niederlanden und in den USA ist da eine andere Dynamik zu erleben, allein durch die zunehmende Bedeutung des Online-Handels oder der Lieferdienste im Bereich Lebensmittel.

Immer beliebter werden die Unverpackt-Stationen auch im Bio-Fachhandel. Fotorecht: NürnbergMesse

Ganz häufig tauchte bei unseren Gesprächen das Thema Verpackung bzw. Unverpackt-Konzepte auf. Wie wird sich diese Frage im Lebensmittel-Handel weiterentwickeln?
Das ist ein wunderbares Beispiel, dass eine Wertschöpfungskette (und die Politik) sich auf den Druck der Verbraucher*innen hin bewegt. Mit einer großen Dynamik werden neue Lösungen geschaffen. Manche ernsthaft und manche eher, um die Verbraucher*innen zu beruhigen. Wenn man es konsequent denkt, wie es die Unverpacktläden tun (nämlich: eine Lieferkette komplett ohne Einwegverpackung), dann stellt das vieles in Frage, wie Lieferketten heute organisiert sind. So weit gehen die meisten Verbraucher*innen bislang nicht.

Lebensmittel-Handel 2.0: Handel meets Gastro, Einkauf trifft Event – Handel wird zur Begegnungsstätte

Starker Auftritt auch für das Trendsortiment Naturkosmetik! Fotorecht: NürnbergMesse

Lebensmittel-Handel 2.0 – wie kaufen wir in Zukunft ein. Welche Erwartungshaltung des Kunden gibt es und wie begegnet der Handel (SEH/LEH und Bio-Fachhandel) dieser Erwartungshaltung?
Die Kunden-Erwartungen werden sicherlich immer heterogener und vor allem multipolarer: eine Grund-Erwartung drückt sich in immer mehr am Convenience-Trend ausgerichteten Sortimenten und dem Wunsch nach einem Full-Service-Angebot aus (alles verfügbar haben, immer punktgenau an dem Ort, an dem ich gerade bin). Daneben gibt es eine Sehnsucht nach dem so genannten „Regrounding“: Begegnung und Nachbarschaftsbezogenheit. Im Kontext Nachhaltigkeit erleben wir eine zunehmend ökoeffiziente Technophilie und parallel dazu eine naturalistische Grundhaltung, die sich eine Rückbesinnung in ökologische Kreisläufe wünscht.

Der Bio-Fachhandel ist generell ein sehr gutes Beispiel für den Haltungs-Spezialisten.

Was heißt das für den Lebensmittel-Handel?
Wir werden einerseits die Generalisten finden, die tatsächlich nicht nur im Sortiment, sondern auch in der Angebotsform immer breiter aufgestellt sein werden. Und wir werden andererseits die Spezialisten finden, die sich einer bestimmten Haltung verschreiben, einem Dienstleistungsprinzip und dieses durchdeklinieren. Persönlich empfinde ich Edeka Zurheide in Düsseldorf als ein Paradebeispiel für den Alleskönner – sehr (technisch) verspielt. Der Bio-Fachhandel ist generell ein sehr gutes Beispiel für den Haltungs-Spezialisten.

Konkret erleben wir eine Vermischung von Handel und Gastro sowie von Einkaufen und Event. Verpackte Produkte einerseits treffen auf direktes und unmittelbares Genießen. Der Handel wird auch Begegnungsstätte.

Herr Spahn, herzlichen Dank für das Gespräch!

ebl beschäftigt 600 Mitarbeiter. Das Filialnetz umfasst 29 Märkte. Fotorecht: NürnbergMesse

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Refill: Durst löschen und Plastik vermeiden

Weniger Plastik wäre gut – wie das zum Beispiel beim Thema Trinkwasser geht, das zeigt das Projekt Refill. Dem schließen sich immer mehr Städte an. Und so wird es immer leichter, auch im Hochsommer unterwegs jederzeit den Durst zu löschen und gleichzeitig Müll zu vermeiden. Das ist ganz im Sinne von Zero Waste!

Nicht erst seit der Zero-Waste-Bewegung und einer wachsenden Öffentlichkeit zum Thema Plastik zum Beispiel in den Weltmeeren, gibt es zahlreiche Initiativen, die sich für den Einkauf in Unverpackt-Läden, die Einsparung von Plastik-Verpackungen und -tüten sowie generelle Reduzierung von Plastik-Müll einsetzen – auch auf EU-Ebene. Die Nürnberger Zero-Waste-Initiative rund um Bluepingu ist mit ihrer Aktion „Sei ein Beuteltier“ jüngst sogar in Brüssel für ihr Engagement ausgezeichnet worden. Bluepingu ist auch Initiator von Refill Nürnberg und sorgt damit dafür, dass Bürgerinnen und Bürger ihre Trinkflaschen unterwegs kostenlos mit Leitungswasser – das in Deutschland Trinkwasserqualität hat – auffüllen können.

 „Seit 1950 wurden unglaubliche 8,3 Milliarden Tonnen Plastik erzeugt“

Durst löschen! Aber bitte ohne Plastik!

Wasser ist Leben sagt man. Plastik hingegen gefährdet unsere Weltmeere. Und nicht nur dadurch gefährdet Plastik auch das Leben auf unserem „blauen“ Planeten als Ganzes. Seit 1950 wurden unglaubliche 8,3 Milliarden Tonnen Plastik erzeugt. Das entspricht dem Gewicht von 822.000 Eiffeltürmen aus blankem Stahl. Einen großen Teil des Problems macht Wegwerf-Plastik aus. 42 Prozent des bisher erzeugten Plastiks werden nur ein einziges Mal verwendet, bevor sie im Müll landen. Viele Becher, Flaschen und Tüten sind gerade einmal fünf Minuten im Einsatz, bevor sie für hunderte Jahre unseren Planeten verunstalten.

„42 Prozent des bisher erzeugten Plastiks werden nur ein einziges Mal verwendet, bevor sie im Müll landen“

Zeit umzudenken? Das dachte sich auf jeden Fall Stephanie Wiermann und ist mit dem Projekt „Refill Deutschland“ in Hamburg an den Start gegangen. Am 24. März 2017 hat die Bloggerin, die 2015 in Bristol geborene Idee adaptiert. Seither beteiligen sich in ganz Deutschland Geschäfte, Vereine, Cafés und Restaurants, die Kunden und Passanten, die eine Flasche mitbringen, kostenlos Leitungswasser aus- beziehungsweise nach-schenken. Dass sie Teil des Projektes sind, zeigen die Refill-Stationen mit einem blauen Aufkleber am Fenster oder an der Tür.

Im Juni 2018 wurde Refill Deutschland der Next Organic Berlin Award in der Kategorie Zero Waste verliehen. Bereits zum Weltwassertag am 22. März 2018 konnte die Initiative 100 neue Punkte auf ihrer Landkarte ausweisen. Innerhalb eines Jahres haben sich 1.316 Refill-Stationen in 60 Städten etabliert, aktuell sind es fast 2.000. Darunter auch Nürnberg, initiiert von Bluepingu e.V. mit seinem Vorstand Frank Braun.

Frank Braun von Bluepingu, im Interview

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Von links: Frank Braun, Roland Mietke und Michael Steffen, Bluepingu e.V.

Kurz und knapp, Frank: Was macht für Dich den Gedanken von Zero Waste aus?
Frank: Wertschätzend mit unseren Ressourcen umzugehen. Mit ein wenig Voraussicht können wir ganz einfach an vielen Stellen Müll vermeiden. Und das Schöne am Thema: Hier sparen wir sogar noch Geld

 

 

Mit Bluepingu setzt Ihr Euch – neben weiteren ökologischen Aspekten wie Bio und Fairtrade – für Müll- und Plastikvermeidung ein: Was ist Eure Hauptmotivation?
Frank: Es ist ein Thema das uns alle angeht. Jeder von uns kann hier beim Einkauf, zu Hause, auf Reisen einen Beitrag leisten.

Wasser wertschätzen, Plastik vermeiden und Bio kaufen

Wie fügt sich bei alledem die Initiative Refill ein? Was ist Euch dabei besonders wichtig?
Frank: Bei Refill geht es darum zu zeigen, dass wir in einem Land leben, wo Leitungswasser tatsächlich Trinkwasser-Qualität hat. Dieses wertzuschätzen und vielleicht auf den Kauf von Plastikflaschen zu verzichten und so auch Geld zu sparen, um sich z.B. gute regionale Bio-Lebensmittel zu leisten, ist uns wichtig.

Zero Waste auf Fränkisch: Sei ein Frängeroo

Beitragsbild2-NM-fairmag-Refill-Deutschland

Sei ein Beuteltier – Ein Projekt von Bluepingu e.V.

Für Euer Projekt „Sei ein Beuteltier“ seid Ihr dieses Jahr zur Europäischen Woche der Abfallvermeidung (EWWR) in Brüssel von der EU ausgezeichnet worden – Glückwunsch! Was ist das Hauptanliegen dieser Aktion?
Frank: Hier geht es darum mit den Bäckereien daran zu arbeiten, die dort anfallenden Müllmengen zu reduzieren. Da sind zum einen die Milliarden Papiertüten für Brot und Brötchen (die Produktion einer Tonne Papier benötigt genau so viel Energie, wie die Produktion einer Tonne Stahl), die wir auch wunderbar in einem mitgebrachten Beutel unterbringen können. Zum anderen sind da die 2,8 Milliarden Coffee-to-go Becher, die wir alleine in Deutschland verschwendet haben. Hier können wir uns entweder die Zeit nehmen, diesen in Ruhe in der Tasse vor Ort zu genießen oder einen eigenen To-Go-Becher mitbringen. Unser „Frängaroo“, das uns der Nürnberger Zeichner Gymmick dankenswerter Weise geschaffen hat, will mit Humor diese Möglichkeiten aufzeigen. So ist das Motto: „Sei ein Beuteltier, spar dir die Tüte“.

Und wie geht es weiter? Sind weitere Aktionen geplant?
Gerade planen wir die Aktion auch auf die Landkreise um Nürnberg auszuweiten. Unsere Vision wäre ein firmenübergreifendes Pfandsystem für Kaffeebecher in der Metropolregion.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

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