„Bio wirkt!“… positiv auf das Gemeinwohl und schafft ein besseres Leben auf dem Land

Seit den bescheidenen Anfängen vor 30 Jahren ist das Timbaktu-Kollektiv in Indien zu einen Best-Practice-Beispiel geworden, das in vielen verschiedenen Bereichen zu mehr Lebensqualität im ländlichen Raum geführt hat – mit vielfältigen Zukunftsperspektiven.

„Wir wussten nur, dass wir, wenn wir Veränderungen herbeiführen wollten, auf einen Marathon vorbereitet sein mussten.“

Bablu Ganguly, Mitbegründer des Kollektivs, können Sie uns bitte die intellektuellen und strategischen Wurzeln des Erfolgsmodells erklären?

Als Erstes muss ich Ihnen sagen, dass wir zu Beginn des Kollektivs kein Konzept und keine strategischen Pläne hatten. Wir wussten nur, dass wir, wenn wir Veränderungen herbeiführen wollten, auf einen Marathon vorbereitet sein mussten. Denn die Welt ändert sich ständig und wir mussten unsere Strategien und damit die Art von Projekten, die wir starteten, ständig ändern. Wir begannen mit dem Versuch, ein Stück unfruchtbares Land zu regenerieren und zu heilen, und heute versuchen wir schließlich, die lokale Wirtschaft zu regenerieren und zu revitalisieren und die Genossenschaftsbewegung gewissermaßen neu zu erfinden. Resilienz, Revitalisierung, Regeneration und Reanimation sind zu unseren Themen geworden. Was auch immer wir erreichen konnten, es liegt am Konzept „Sangha“. Das ist eine Art informeller Zusammenschluss der teilnehmenden Menschen aus einem Dorf. Die Sangha ist der Kern unserer gesamten Arbeit. Wenn wir über unsere Arbeit mit Frauen, mit Menschen mit Behinderungen, mit Bauern, mit den landlosen Landarbeitern und sogar mit Kindern und Jugendlichen sprechen, sind alle in Sangha-Gruppen organisiert. Alle Sanghas treffen sich mindestens einmal im Monat. Diese Sanghas werden in gesetzlich registrierten Genossenschaften mit Gesellschaftern und gewählten Direktoren, etc. zusammengefasst. Die Strategie besteht darin, die Menschen auf Dorfebene zu organisieren, zu bündeln und Cluster zu bilden. Durch diese Genossenschaften nimmt das Kollektiv Programme auf, sehr transparent und in demokratischer Mitbestimmung.

Das Timbaktu-Modell passt sehr gut zu den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Halten Sie es für notwendig, diese Ideen in Zeiten der Klimakrise und der negativen Auswirkungen der Agrarindustrie zu multiplizieren?

Auf jeden Fall! Ich glaube nicht, dass wir irgendetwas tun, was nicht in einem anderen Teil der Welt nachahmbar ist. Unsere Arbeit in den Bereichen Ökologie oder Landwirtschaft, unsere Arbeit mit Frauen, Menschen mit Behinderungen, Landarbeiterinnen, mit Kindern und Jugendlichen ist eine sinnvolle Arbeit. Sie hat mit Menschenwürde, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit zu tun. Durch die Revitalisierung der lokalen Wirtschaft und die Wiederbelebung von Ökosystemen führt sie zur Minderung der Auswirkungen des Klimawandels, zu ökologischer Nachhaltigkeit, Transparenz und demokratischer Mitbestimmung in allen Bereichen der Entwicklung und Wirtschaft. Im Wesentlichen haben alle ein gutes Leben zum Ziel.

„Wir alle müssen lernen, einander zu vertrauen und uns gegenseitig zu respektieren.“

Was ist das Schlüsselelement, das im ersten Schritt zu realisieren ist?

Die Idee ist, Beziehungen und soziales Kapital aufzubauen. Starke, herzliche, kooperative, ehrliche, respektvolle Beziehungen. Das ist meiner Meinung nach der Kern und das Schlüsselelement. Dies ist auch Teil des Denkens in der Bio-Bewegung weltweit. Wir haben, glaube ich, in drei Jahrzehnten das Sozialkapital in diesem Bereich aufgebaut. So können unsere Projekte funktionieren und die Menschen können diese selbst gestalten. Das ist nicht einfach und muss langsam und stetig aufgebaut werden. Wir alle müssen lernen, einander zu vertrauen und uns gegenseitig zu respektieren. Dann wird der Rest folgen.

Oftmals ist nicht die ökologische Produktion von Waren die größte Herausforderung, sondern die Schaffung eines stabilen Marktes für die Produkte. Wie gelingt das?

Ich stimme zu, dass dies der Schlüssel ist. Die Auseinandersetzung mit dem Markt ist ein weiteres wesentliches Element. Wir müssen jedoch den ärmeren und benachteiligten Menschen dazu verhelfen, sich aus einer Position der Stärke heraus, mit dem Markt vertraut zu machen. Das betrifft nicht den Umgang mit Zahlen, sondern auch, dass wir mit einem gewissen Kapitaleinsatz arbeiten. Das Feld da draußen ist nicht eben und wir müssen helfen, es zu ebnen. Dies konnten wir bewerkstelligen dank der starken Unterstützung, die wir von Organisationen wie dem Sir Dorabji Tata Trust, Mumbai, dem BfW, Berlin, und vielen Freunden und Einzelpersonen erhalten haben, die glauben, dass eine andere Welt und eine andere Wirtschaft möglich ist. Nein, nicht nur möglich, sondern extrem wichtig! Auf der anderen Seite werden sich die Verbraucher immer mehr bewusst, dass etwas nicht stimmt. Die Lebensmittel, die sie essen, sind nicht besonders lecker und gesund. Sie suchen nach Lebensmitteln, die wirklich gut, fair und gesund sind. Die Marke Timbaktu Organic hat im Laufe der Jahre dieses Vertrauen aufgebaut und die Geschichte, die dahintersteht, ist wahr und gut.

Bablu Ganguly (links), Mitbegründer des Timbaktu Kollektivs
Copyright: Karin Heinze

Sie sind auch Vorstandsmitglied der IFOAM Organics International, dem globalen Dachverband der Bio-Bewegung. Wie schätzen Sie die Perspektiven des ökologischen Landbaus in Verbindung mit den Idealen der Gemeinwohl Ökonomie ein? Oder ist es nicht überhaupt Zeit für einen Durchbruch des ökologischen Landbaus und der Gemeinwohlwirtschaft?

Ja, ich bin Vorstandsmitglied der IFOAM Organics International. Dies hat mir die Möglichkeit gegeben zu reisen und viele Menschen aus der ganzen Welt zu treffen. Wohin ich auch gehe, ob in Indien oder außerhalb, die Menschen wollen gutes Essen. Doch nicht jeder will die Premium-Preise zahlen, die Bio kostet. Hier kommt das Ideal der Gemeinschaftsgüterwirtschaft ins Spiel. Die Verbraucher sollten lernen zu verstehen, dass ihre lokalen Bauern auch ein gutes Leben führen wollen. Und die Landwirte müssen verstehen, dass sie Produzenten von Lebensmitteln sind, von denen die lokalen Verbraucher abhängig sind, und dass sie gute Lebensmittel produzieren sollten. Alle sollten verstehen, dass die vier Prinzipien, die Bio definieren –Gesundheit, Ökologie, Fairness und Pflege – zu einer Revitalisierung der lokalen Wirtschaft, ökologischer Nachhaltigkeit, Menschenwürde, Solidarität, sozialer Gerechtigkeit, Transparenz und demokratischer Mitbestimmung führen. Das ist übrigens auch die Bedeutung einer „echten“ Wirtschaftlichkeitsbetrachtung (True Cost Accounting).  Außerdem bezieht sich dies nicht nur auf Bio, sondern auf alle Waren, die wir produzieren und austauschen. Die Prinzipien sind die Gleichen. Und das, nur das, wird uns dahinführen, allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Ein Leben das reichhaltig, sorgenfrei und gesund ist!

Das vollständige Interview lesen Sie im Newsroom der BIOFACH.

Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5 unserer Interview-Serie.

Das Interview führte Karin Heinze, BiO Reporterin International.

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„Bio wirkt!“ … ganzheitlich für die Gesundheit

Kenia ist ein dicht bevölkertes Land mit mittlerweile über 50 Millionen Einwohnern. Die sehr schnell wachsende Bevölkerung kann im Jahr 2055 mehr als 100 Millionen Menschen erreichen. Über 50 % der Kenianer sind Bauern. Aber nur ein Fünftel des Landes kann für die Landwirtschaft genutzt werden. Wie denkst Du über die Ernährungssicherheit in Deinem Land?

Wir haben in der Vergangenheit einige schwere Krisen erlebt – die letzte große Hungerkatastrophe war 2011. Heute wird der nationale Ernährungsstandard immer besser. Aber jetzt hat Kenia, wie viele andere Länder auf der ganzen Welt, ein anderes Problem im Zusammenhang mit Lebensmitteln. Auf der einen Seite leidet ein Teil unserer Bevölkerung immer noch an Unterernährung, auf der anderen Seite finden wir die Hälfte unserer Bevölkerung, die – vornehmlich in den großen Städten – mit Übergewicht, Fettleibigkeit und Diabetes kämpft. Das liegt daran, dass die Menschen zu viel ungesundes Essen und Fast Food konsumieren. Es wird mit viel zu viel Zucker-, Salz- und Fettzusatz verarbeitet. Schlimmer noch, Allergien, Asthma und Krebs sind Experten zufolge zum Beispiel mit falscher Ernährung verbunden. Studien bestätigen, dass hoch verarbeitete Lebensmittel nicht der richtige Weg sind, um gesund zu leben.

Die kenianische Bio-Unternehmerin Sylvia Kuria. Fotorecht: Sylvia Kuria

Sind sich die Menschen heute bewusster über eine gesunde Ernährung? Gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land?

„Das hat mich stark von den Vorteilen des ökologischen Landbaus überzeugt und ich glaube daran, dass dies der beste und einzige Weg ist meine Familie gesund zu ernähren.“

Es ist richtig, dass ein Teil der Menschen dank Informationen aus dem Internet und den Medien in den letzten Jahren mehr über gesunde Lebensmittel erfahren hat. Auch die Bildung spielt eine wichtige Rolle. In den letzten zehn Jahren in denen ich mich mit dem Gemüseanbau beschäftige, habe ich viel gelernt, auch viele Fakten über die schlechten Auswirkungen von Chemikalien und Pestiziden auf unseren Boden und unsere Lebensmittel. Das hat mich stark von den Vorteilen des ökologischen Landbaus überzeugt und ich glaube daran, dass dies der beste und einzige Weg ist meine Familie gesund zu ernähren. Es ist nicht einfach als Bio-Bäuerin zu arbeiten, aber ich hatte das Glück am Anfang Hilfe von der kenianischen Bio-Organisation KOAN (Kenia Organic Agriculture Network) zu bekommen. Später konnte ich dann mein Wissen weitergeben, Schulungen durchführen und einige andere Kleinbauern überzeugen. Außerdem hatte ich die Gelegenheit einige Interviews zu geben, um das Wissen über den ökologischen Landbau und eine gesunde Ernährung zu verbreiten.

 

Du hast viele Aktivitäten gestartet, um andere Bauern davon zu überzeugen, ökologisch zu produzieren und ihre Familien biologisch zu versorgen. Wie erklärst du die Vorteile des ökologischen Landbaus und von Bio-Lebensmitteln?

„Es ist noch viel zu tun und wir müssen den Menschen noch viel erklären.“

Langsam aber sicher sind sich immer mehr Menschen bewusst, dass ihre Ernährung ungesund ist und außerdem auch schlecht für die Umwelt. Nur Monokulturen von Mais und Bohnen anzubauen kann nicht gut für den Boden und den Betrieb sein. Denn man ist abhängig von den großen Saatgutfirmen, man behandelt seinen Boden schlecht und wir verlieren unsere Biodiversität. Es ist so viel nachhaltiger eine gute Mischung aus Gemüse wie Karotten, Grünkohl, Spinat, Kräutern und anderem anzubauen. Diese Argumente, zusammen mit der Erfahrung, dass die Produkte schmackhafter sind, können die Menschen überzeugen. Meine Kunden, die bei mir Gemüse kaufen, fragen mich oft, warum das Gemüse so süß und aromatisch ist, und ich kann sagen…. „Weil ich es im Einklang mit der Natur und biologisch angebaut habe.“ Es ist noch viel zu tun und wir müssen den Menschen noch viel erklären. Anfang November habe ich zusammen mit anderen ein Geschäft in Nairobi eröffnet. „Sylvia‘s Basket“ soll unser Bio-Gemüse und andere Bio-Produkte in die Stadt bringen, wo das Bewusstsein und die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln wächst.

Was war Deine Motivation und Mission Bio-Bäuerin und Gründerin von „Sylvia‘s Basket“ zu werden?

Als Kind habe ich viel Zeit auf dem Hof meiner Großeltern verbracht und war in den Schulferien immer gerne dort. Um ehrlich zu sein war es ein Traum, Bäuerin zu werden. Als unsere junge Familie wuchs, zogen wir von Nairobi nach Limuru auf das Land. Ein kleiner Gemüsegarten war eines der ersten Dinge, die ich dort begann. Am Anfang war es sehr schwierig, aber ich war hartnäckig. Mit wachsender Erfahrung, der Unterstützung eines Bio-Vereins und der vollständigen Umstellung auf biologische Methoden war ich dann erfolgreich und konnte viele gesunde Lebensmittel produzieren. Das Ernten von Bio-Gemüse und Obst für meine Familie – meine Kinder sind jetzt 10, 8 und 7 Jahre alt – aber auch das Teilen mit Freunden und Nachbarn war eine Bestätigung und ermutigte mich weiterzumachen und zu expandieren. Aufgrund meiner Mission, gesunde Lebensmittel für mehr Menschen verfügbar und erschwinglich zu machen, habe ich „Sylvia‘s Basket“ gegründet, wo man Bio-Gemüse und -Obst online bestellen kann. Das wurde ein Erfolg.

Glaubst Du, dass Bio-Lebensmittel das Niveau der Gesundheit und Ernährungssicherheit in Kenia und auf der ganzen Welt erhöhen können?

Ich bin sicher, dass gute, gesunde Lebensmittel und die Gesundheit der Menschen eng miteinander verbunden sind. Der biologische Landbau hat sich als der beste und nachhaltigste Weg erwiesen. Je mehr Landwirte in der ökologischen Landwirtschaft arbeiten, keine Pestizide spritzen, sondern den Boden heilen, desto mehr gute Lebensmittel stehen zur Verfügung und können die Gesundheit der Menschen fördern. Vor allem Eltern müssen anfangen, ihre Kinder gesund zu ernähren. Wenn wir auf hoch verarbeitete und raffinierte Lebensmittel verzichten, können wir unsere Ernährungsweise verbessern und unseren Körper wieder ins Gleichgewicht bringen. Von gesunden Böden bekommen wir nicht nur besseres Gemüse, sondern gesunde humusreiche Böden sind auch widerstandsfähiger gegen Trockenheit und können dazu beitragen CO2 zu reduzieren und damit den Klimawandel einzudämmen. Das bedeutet, dass mehr ökologischer Landbau auf der ganzen Welt ein großer Vorteil für die Menschheit und unseren Planeten ist. Mein Rat ist, klein und vor Ort anzufangen und Deine Nachbarn zu überzeugen. Kleine Cluster von 200 bis 300 Bio-Hausgärten auf dem Land könnten so vieles verändern! In Kenia haben wir begonnen uns zu wandeln, es gibt eine ziemlich gute Bio-Bewegung. Aber mehr Bildung und Trainings sind notwendig, um noch viel mehr Kleinbauern für die Bio-Bewegung zu gewinnen. Es gibt viel Potenzial, die Bauern sind offen. Ich bin zutiefst überzeugt, dass Bio helfen kann, die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln.

Das vollständige Interview lesen Sie im Newsroom der BIOFACH.

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Das Interview führte Karin Heinze, BiO Reporterin International.

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