„Jeder wird mit einem guten Gedanken nach Hause gehen!“

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Komiker, Autor, Moderator und Gründer der Stiftung HUMOR HILFT HEILEN und „Doctors for Future“, Berlin. Im Rahmen der Eröffnung der ConSozial, die KongressMesse für Fach- und Führungskräfte des Sozialmarktes, wird er einen Vortrag halten. Dabei spricht er Themen an, die die Branche bewegen: sozialen Zusammenhalt, Gesundheit, aber auch wie positive Gemeinschaftserlebnisse zum persönlichen Glück beitragen können.

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Herr von Hirschhausen, Sie sind ja auch ein Spezialist für das Thema Glück: Warum tun die Deutschen sich so schwer mit dem Glück?
Dafür habe ich in der Tat eine interessante Erklärung gefunden: Die Deutschen haben ein zusätzliches Hirnteil, neben dem Frontallappen, der plant und dem Seitenlappen, der vernetzt, haben wir noch den Jammerlappen, der verhindert (lacht). Nein, im Ernst haben wir Deutschen einen echten Nachholbedarf in positiver Psychologie. Wir sind eine der wohlhabendsten Nationen der Erde, aber bei der Zufriedenheit nie aus dem Mittelfeld raus. Glück ist eine Gemeinschaftsaufgabe: Wie kommen wir von einer Neidgesellschaft zu mehr Solidarität, bürgerschaftlichem Engagement und „Gönnen können“? Aus der Glücksforschung ergeben sich klare politische Prioritäten, wofür wir Steuern besser verwenden können: für Gesundheit, für Bildung, für Musik, Kunst und Gemeinschaftserlebnisse. Und für Fahrradwege statt für Pendlerpauschalen.
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Sie unterstützen von Anfang an Fridays for Future mit den Scientists und den Doctors for Future. Warum ist Klimaschutz eine ärztliche und eine gesellschaftliche Aufgabe?
Unsere Mutter Erde ist krank. Unser Zusammenleben ist nicht nur von anderen Menschen abhängig, wir leben alle davon, dass die Natur uns bislang mit Wasser, Luft und erträglichen Außentemperaturen versorgt hat, ohne dass die Natur uns das in Rechnung gestellt hätte. Deshalb hat das in der Wachstumsökonomie niemanden interessiert, die Kosten waren nicht einkalkuliert. Ärzte sind dafür ausgebildet, Leben zu schützen, Gesundheitsgefahren abzuwehren und schlechte Nachrichten zu überbringen. Und sowohl der Weltärztebund, die internationalen Akademien der Wissenschaft, Fachzeitschriften wie der Lancet Climate Change, sie alle weisen seit Jahren darauf hin: die Klimakrise bedroht unsere Gesundheit. Von den Hitzetoten über neue Infektionskrankheiten, Allergien und Lungenerkrankungen durch Feinstaub und Abgase der fossilen Treibstoffe bis hin zu millionenfacher Migration und Kriegen um Wasser und Essen. Deshalb wird das auch eines der Themen bei meinem Vortrag sein, denn dazu kann heute keiner mehr schweigen. Und soziale Ungleichheit wird nachweislich durch die Klimakrise verschärft, die einen haben Klimaanlagen und verbrauchen weiter Strom und Kohle, die anderen schwitzen sich zu Tode.
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Das Motto der diesjährigen ConSozial lautet „Gemeinsam statt einsam – sozialen Zusammenhalt stärken“. Welche Rolle spielt der generationenübergreifende Zusammenhalt für unsere gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit? Wie könnte man diesen fördern?
Wir haben einen neuen Generationenkonflikt durch die Erkenntnis, dass die junge Generation sich um ihre Zukunft beklaut fühlt, völlig zu Recht. Wir haben auf Pump gelebt, Schulden angehäuft, was nichts anderes bedeutet als: mir doch egal, wer das später mal bezahlt, ich konsumiere jetzt schon. Gleichzeitig hat mein Vater einen viel kleineren CO2 Abdruck als seine Enkel, die alle über Nachhaltigkeit reden. Die Nachkriegsgeneration kann tatsächlich vermitteln, dass ein einfacheres Leben kein schlechtes ist. Und dass auch kein Kind damals erwartet hat, mit dem Auto zur Schule gebracht zu werden. Gleichzeitig leben viele ältere Menschen heute sehr allein auf großer Wohnfläche, was auch kein echter Fortschritt ist. Deshalb finde ich es spannend zu dem Motto „Gemeinsam statt einsam“ beizutragen, wie Einsamkeit krank macht, und wie die Art, wie wir Wohnraum schaffen bereits sozial stärkend oder vereinzelnd sein kann.
Jetzt haben wir viel über Zusammenhalt und Glück in Bezug auf unsere Gesellschaft gesprochen. Was bedeutet das denn für unsere Kinder und die Arbeit mit Kindern? Was brauchen Kinder, damit sie glückliche Erwachsene werden, die Zusammenhalt leben und zu schätzen wissen?
Das ist eine sehr komplexe Frage, aber ich glaube, dass ein großes Problem im Bereich Gesundheit ist, dass keine Institution den Menschen über den ganzen Bogen des Lebens im Blick hat. Die Kassen zahlen, wenn Leute krank werden. Dabei kann man sehr viel tun, damit sie überhaupt nicht krank werden. Aber solange Operationen besser bezahlt werden als Gespräche, darf man sich nicht wundern, dass mehr geschnippelt als zugehört wird. Nachhaltig wäre es, bereits mit Familienhebammen in der Schwangerschaft für einen guten Start ins Leben zu sorgen. Im Kindergarten viel zu singen, zu tanzen, Freude am Körper und am Miteinander zu vermitteln. Für die Schulen habe ich mit meiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN ein Programm zu sozialem Lernen entwickelt, das endlich die Ideen der positiven Psychologie in die Praxis integriert. Ich bin schon leicht wahnsinnig, die beiden hartnäckigsten Systeme Gesundheit und Bildung verändern zu wollen, aber im Kleinen geht es oft erstaunlich gut voran!
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Was bedeutet Älterwerden in unserer Gesellschaft?
Leider ist Älterwerden in unserer Gesellschaft ein sehr angstbesetztes Thema. Dabei gibt es keinen Grund, Angst vor dem Alter zu haben. Ein Problem hat man doch wirklich nur, wenn man nicht 50 wird! Um es klar zu sagen: Das Alter ist besser als sein Ruf! Die meisten Menschen sind mit 70 besser drauf als mit 17. Altern ist kein Abgesang – Altern ist Leben für Fortgeschrittene.
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Was bedeutet ein Altern in Würde für Sie persönlich?
Ich möchte selbstbestimmt in meiner Wohnung alt werden, umgeben von lieben Menschen, eingebettet in ein soziales Netzwerk von Engagement, füreinander da sein und Sinn und Lebensfreude. Ich wünsche mir dann noch „gebraucht“ zu werden, so wie wahrscheinlich die meisten Menschen… Und natürlich halbwegs gesund und mobil, oder um es mit dem Gebet der Achtzigjährigen etwas salopper zu sagen: Oben klar und unten dicht, lieber Gott, mehr will ich nicht!
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Herzlichen Dank für das Interview.

Plenumsvortrag auf der ConSozial am 06.11.2019 (Mittwoch) von 10:00-11:00 Uhr: Keiner kann sich selber kitzeln! Wie gelingt Motivation für Zusammenhalt und Zukunftsfähigkeit.

Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Komiker, Autor, Moderator und Gründer der Stiftung HUMOR HILFT HEILEN und „Doctors for Future“, Berlin

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Kommt raus aus Eurer Nische! Und werdet politischer!

Der Arzt, Komiker und Autor Dr. Eckart von Hirschhausen hat 2019 das Messe-Duo BIOFACH und VIVANESS mit seiner Key-note vor begeisterten 800 Gästen eröffnet. Er hat dabei genau die Themen angesprochen, die die Branche bewegen: Ökologie, Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Gesundheit im ganzheitlichen Sinne. Humorvoll und mit Augenzwinkern ebenso wie mit Ernst und Engagement. Generell verbindet Dr. Eckart von Hirschhausen die Themen Gesundheit und Humor – nicht zuletzt mit seiner Stiftung „HUMOR HILFT HEILEN“. Dem Online-Magazin der NürnbergMesse, NM.fairmag, gab Dr. Eckart von Hirschhausen im Umfeld der BIOFACH ein Interview.

Herr von Hirschhausen, was bringt jemanden wie Sie, der mit seinem Humor andere zum Lachen bringt, selbst zum Lachen?
Ich bin ein sehr großer Loriot-Fan, mein großes Vorbild durfte ich auch noch persönlich kennenlernen. Und ich mag komische Gedichte und Lieder, von Morgenstern, Ringelnatz, Tucholsky bis zu Gernhardt, Sebastian Krämer oder Bodo Wartke. Aber worüber für mich nichts geht, ist der Humor von Kindern. Für die CD „Ist das ein Witz? Kommt ein Kind zum Arzt“ haben wir neben Witzen auch Sprüche gesammelt, die Kinder einfach so heraushauen, von Wortneuschöpfungen bis zu tiefer Erkenntnis, wie der Satz eines 6jährigen, den ich einfach großartig finde: „Man kann nie wieder etwas verlieren, wenn man weiß, wo IRGENDWO ist.“

Gesundheit: Die Herausforderung mit unserem Körper, so wie er ist, Lebensfreude zu haben

Und was heißt für Sie persönlich „gesund“?
Gesundheit ist für mich nicht die Abwesenheit von Krankheit, sondern die Herausforderung mit unserem Körper, so wie er ist, Lebensfreude zu haben. In diesem Sinne möchte ich dazu beitragen, dass alle Menschen die Chance auf ein gesundes und erfülltes Leben haben. Fakt ist heute schon, dass sozial benachteiligte Menschen in Deutschland 10 Jahre kürzer leben. Deshalb engagiere ich mich vor und hinter den Kulissen für Gesundheitskompetenz. Wir könnten allen bereits im Kindergarten und der Schule die wichtigsten Spielregeln für unseren Körper beibringen: Nicht rauchen, bewegen, Gemüse, erwachsen werden und Kind bleiben. Das macht 15 Jahre der Lebenserwartung aus. Wie man das im Alltag umsetzt, versuche ich auf den verschiedenen Kanälen zu vermitteln: Vorträge, Fernsehen, Bücher, Bühnenshows, einer eigenen Zeitschrift „Hirschhausen Gesund Leben“ und jetzt im Dialog mit Ihnen!

Die Bio-Branche fasst den Begriff Gesundheit weit und sagt, das „System Bio“ ist in seiner Ganzheitlichkeit „gesund“. Vom Anbau über die Wirtschaftsweise bis zu Ernährungsstilen…Wie sehen Sie das?
Wir essen viel zu viel Fleisch. Das tut uns nicht gut. Und auch nicht den Kreaturen, die zufälligerweise unter uns in der Nahrungskette stehen. Und vor allem: Was wir durch die Produktion anrichten, sehen wir ja im Supermarkt nie. Angenommen, wir müssten zu jedem Kilo Fleisch, das wir kaufen obligatorisch die 10 Liter Gülle, die damit verbunden sind, immer mit kaufen und uns selber um die Entsorgung kümmern. Wir würden automatisch wissen: Fleisch braucht es nicht jeden Tag.

Humor hilft heilen!

Humor und Gesundheit – ein perfektes Paar, das unbedingt zusammengehört?
Auf jeden Fall. Mit humorvoller Wissensvermittlung kommt man viel weiter als mit Drohungen. Ein gutes Beispiel ist das Rauchen. Es gibt keinen Raucher, der nicht wüsste, dass das nicht besonders gesund ist. Doch das hindert sie offensichtlich nicht daran, es dennoch zu tun. Studien zeigen, dass für Jugendliche das Rauchen umso attraktiver ist, je mehr man über die Gefahren des Rauchens redet. Warum ist das so? Ein Jugendlicher möchte seine Stärke beweisen. Wenn man ihm dann sagt, da ist etwas total Gefährliches, dann kann er ja beweisen, dass das ihm nichts ausmacht. Das ist dann so eine Art Mutprobe. Besser ist es, den Jugendlichen zu erzählen, dass die Zigarettenindustrie bereits vor 50 Jahren versucht hat, mit bestimmten Inhaltsstoffen junge Menschen gezielt süchtig zu machen. Dann packt man den Jugendlichen bei seiner Ehre, der sich da nicht manipulieren lassen möchte und stolz Zigaretten ablehnt mit dem Satz: Ich lass mich doch nicht verarschen.

Mit Ihrer Stiftung HUMOR HILFT HEILEN möchten Sie „das Humane in der Humanmedizin und Pflege stärken“.  Was ist Ihr wichtigstes Anliegen und mit welchen Projekten fördern sie diese Anliegen?
Wir spannen einen großen Bogen von Musiktherapie bei Frühchen bis zu Humorvisiten auf der Palliativstation und Pflegeheimen. Wir fördern alles, was der Seele guttut, und die Kasse nicht zahlt. Ein großer Schwerpunkt sind inzwischen Forschungsprojekte und Workshops für Pflegekräfte. Diese zentrale Gruppe im Gesundheitswesen steht unter enormen Druck. Deshalb setzen wir uns im Großen für andere politische Rahmenbedingungen auf dem Deutschen Pflegetag ein, und im Kleinen bringen wir unsere Trainer in Pflegeschulen, damit die Themen „Resilienz, Achtsamkeit und Selbstfürsorge“ gleich zu Beginn ganz praktisch erfahrbar werden. Das Ganze wird auch wissenschaftlich begleitet, so dass Inhalte der positiven Psychologie hoffentlich bald auch Teil der regulären Ausbildung werden.

Botschaft an die Bio-Branche: Kommt raus aus Eurer Nische!

Wenn wir bald 10 Milliarden Menschen in Würde auf diesem Planeten ernähren wollen, braucht es ein radikales Umdenken in Mobilität und Landwirtschaft.

Sie haben mit Ihrer Key-note am 13. Februar 2019 die beiden Messen BIOFACH und VIVANESS eröffnet und die rund 800 Gäste begeistert! Gibt es eine Kernaussage, welche Botschaft haben Sie an die Bio-Bewegung?
Kommt raus aus Eurer Nische! Und werdet politischer! Es reicht nicht, eine kleine „bewusste“ Elite mit eingeflogenen Biomangos zu versorgen, das ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Da ist jeder regionale Apfel besser. Wenn wir bald 10 Milliarden Menschen in Würde auf diesem Planeten ernähren wollen, ohne dass wir uns alle beim Kampf um Wasser, Ackerfläche und Regionen mit erträglicher Außentemperatur die Köpfe einschlagen, braucht es ein radikales Umdenken in Mobilität und Landwirtschaft. Solange ein Drittel der erzeugten Nahrungsmittel weggeworfen werden, und gleichzeitig Menschen hungern, braucht es andere „Innovationen“ als neue Müslimischungen mit „Superfood“.

Sie haben als Ernährungsweise das Intervallfasten für sich entdeckt – zum Schluss noch zwei persönliche Ernährungsfragen: Dr. Eckart von Hirschhausen beim Einkauf – wie wichtig sind Ihnen Faktoren wie Bio, Ökologie und Produktionsbedingungen der Lebensmittel, die Sie in den Einkaufskorb legen?
Klar ist das wichtig, aber gleichzeitig nervt mich das Ideologische der Szene, die sich lange darüber streiten kann: Was ist gesünder, drei Vierkornbrötchen oder vier Dreikornbrötchen.

Sie sollten mich nie mit einer Tafel Marzipan-Schokolade alleine in einem Raum lassen, da kann ich für nichts mehr garantieren!

Klar ist das wichtig, aber gleichzeitig nervt mich das Ideologische der Szene, die sich lange darüber streiten kann: Was ist gesünder, drei Vierkornbrötchen oder vier Dreikornbrötchen.
Sie sollten mich nie mit einer Tafel Marzipan-Schokolade alleine in einem Raum lassen, da kann ich für nichts mehr garantieren!

Herr von Hirschhausen, herzlichen Dank für das Gespräch!

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